Hummeln im Hintern

| Lesealter: ab 9 Jahre |

Der kleine Richard Ratibol zappelt auf der Rückbank. »Sind wir bald da?« Er hat letzte Woche einen Drachen gebastelt. Seit dem Aufstehen an diesem Morgen ist er überzeugt, dass bestimmt genug Wind und also heute der große Flugtag ist.
Ungeduldig rutscht er von einer Pobacke auf die andere. »Und dann lasse ich Raketi« – so war der Drache getauft worden – »so richtig schön abstürzen, mit Krach und Peng!« Papa Ratibol nickt ihm im Rückspiegel aufmunternd zu. »Nichts da, Ritchie«, sagt Mama. »Wir wollen doch, dass Raketi ein bisschen heil bleibt.«
»Menno!« Richard überlegt kurz, ob er Autos zählen soll, die Metallic-Grünen. Aber es sind kaum Autos unterwegs hier draußen. »Dauert es noch lange? Da! Ich seh‘ doch schon die Wiesen, da!«

Der Himmel ist sehr blau heute. Es ist ein windgezaustes Blau, von den Meeren des Nordens umbrandet. Ein Blau, in dem die gelben Blätter jetzt schön leuchten, satt wie Eigelb. Eigentlich ist der Herbst keine Zeit mehr für Hummeln. Höchstens für ganz Späte, die sogenannten Bummeln. Aber der kleine Richard Ratibol hat Hummeln im Hintern. Das ist mal so sicher wie das Amen in der Kirche. Sie brausen ihm durch den Allerwertesten. Und zwar die ganz Aufgeweckten und die total Aufgeregten. Sie stacheln ihn an: Wie toll wäre es, schon während des Drachensteigens den Kuchen zu naschen. Und dazu eine neue Folge ›Welt der Wunder‹ zu schauen. Ach, er hat auf so vieles Lust! Am liebsten gleichzeitig. Oder ständig was Neues!

Es stecken natürlich keine echten Hummeln in Richards Hintern. Sie stechen auch nicht auf ihn ein. Es tut nicht weh, aber es fühlt sich an, als würden Hundert von ihnen dort im Dreieck toben und im Chor rufen: Los geht’s! Los geht’s! Es kribbelt und killert, zuckt und zappelt.
Der kleine Richard Ratibol stellt sich vor, dass er innen hohl ist und die Hummeln seine Glieder füllen. Also zumindest den Hintern. Und dass sie ihn dann fernsteuern. Arme, kleine Hummeln! Ihr müsst euch bewegen, irgendwo hin, irgendwas tun. Aber das, worauf ihr euch so freut, muss noch etwas warten.

»Ich muss mal aufs Klo!« ruft Richard plötzlich. »Ich hab‘ Hummeln im Hintern!«
Mama Ratibol dreht sich nach hinten zu ihm um und schaut ihn sehr, sehr liebevoll an.
›So guckt sie sonst nie, wenn ich aufs Klo muss‹, denkt Richard.
Was machen eigentlich die Kinder in anderen Ländern, wo es keine Hummeln gibt, fragt er sich. Haben die Piranhas im Magen? Oder Papageien im Ohr? Käfer unterm Herz? Ameisen in den Fußsohlen? Und was ist mit den Schmetterlingen im Bauch? Und wieso haben die Figuren in Comics Dollarzeichen in den Augen?

Oft geht es auch den Erwachsenen so. Und das ist schön zu beobachten, weil jeder Erwachsene eine andere Art entwickelt hat, mit den Hummeln im Hintern fertig zu werden: Manche trinken Unmengen von Kaffee und schieben es dann auf das Getränk, dass sie nicht ruhig bleiben können. Manche reden plötzlich viel Unsinn, weil sie nicht mehr darüber nachdenken können, was sie sagen. Andere sind auffällig ruhig und huschig. Manche trällern mitten im Sommer ein Weihnachtslied vor sich hin. Andere tigern hin und her wie eine Raubkatze im Käfig.
Der kleine Richard ist gar sehr mit seinen Hummeln und dem Zappeln beschäftigt. Sonst würde er vielleicht bemerken, dass auch Papa Ratibol sich seltsam benimmt. Schon seit er noch einmal in den Keller gegangen ist, ein Paket holen, bevor sie zu den Havel-Wiesen aufgebrochen sind.

»Geht es da vorne links rum?« fragt er seine Frau. »Da ging es doch links rum und dann wieder rechts, oder? So nach drei Steinwürfen, sag mal?«
»Ihr Zwei«, lacht Mama Ratibol. »So was aber.«
Sie weiß, dass Papa Ratibol gestern ein Paket geliefert bekommen hat. Eine kleine Drohne mit Kamera und allem Schnickschnack, die sich mit dem Handy steuern lässt. Aber sie hat mit Papa Ratibol ausgemacht, dass er das Teil nur herausholt, wenn Raketi nicht fliegt oder Ritchie die Lust verliert. Oder wenn der Wind die Bummeln bekommt.

Das Auto parkt zwischen zwei Obstbäumen am letzten Stück des Feldwegs. Ein paar lange Gräser schlagen gegen die Autoreifen. Es riecht nach Laub, dem offenen Himmel und reifen Äpfeln. Und ein bisschen nach dem Pflaumenkuchen nach Papa Ratibols Rezept. Während Familie Ratibol dem Drachen hinterher rennt und auf der Havel-Wiese in die Ferne taucht, surrt die Sehne. Oder sind es ein paar Hummeln, die summen? Vielleicht ja in deinem Hintern?

Wort und Text: Mathias

 

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