Spekulatius

| Lesealter: ab 12 Jahre |

Spätherbst. Wir befinden uns im Spätherbst. Nass und kalt, eklig fasst er uns an und lässt uns mit seiner gewaltigen Dunkelheit schaudern. Draußen modert das letzte Laub im Rinnstein, es riecht süßlich, vergoren und in der Nähe des Gewerbegebietes mit der Tabak- und der Keksfabrik zu dieser Zeit immer etwas nach Essig. Ein nasser Film kriecht von oben und von unten über die Fassaden der Werkshallen. Bei uns daheim kämpfen wir mit Badewanne und Kerzenschein, mit Suppe und Tee gegen den Spätherbst an, zum Nachtisch gibt‘s diverse Süßigkeiten. Und nur, ganz ausschließlich nur zu dieser Jahreszeit gibt es ihn – den Keks aller Kekse, den unangefochtenen Weltmeister der Kategorien Nährwert, Optik, Würzigkeit, Knusprigkeit und, nicht zuletzt, Milchtunktauglichkeit: den Spekulatius!

In der Keksfabrik | Pixabay

Es soll ja Leute geben, die den Spekulatius das ganze Jahr gut und gerne haben können: winters wie sommers, zu den ersten Erdbeeren im Mai oder einem Fruchtcocktail im Strandkorb ebenso wie zu Stollen und gefüllter Gans. Aber nein, irgendeine geheime Macht (manche meinen, die unsichtbare Hand des Marktes) hat beschlossen, dass es den Spekulatius nur zu Weihnachten geben darf, wo doch eh alle Plätzchen backen. Es ist schon hart, wenn ich nach den Feiertagen – mit dem Bild eines Einkaufswagens voller Spekulatius-Großpackungen im Kopf – in die Kaufhalle husche und die Restbestände schon aus dem Sortiment genommen wurden. Dankbar darf man geradezu sein, dass die unsichtbare Hand des Marktes für gut befunden hat, die Weihnachtsorgie bereits Ende September starten zu lassen. Wobei mich von den ganzen scheinheiligen Saisonnahrungsmitteln nur der Spekulatius interessiert. Und vielleicht noch Nougatbaumstämme. Und Dominosteine. Eine mir bekannte Person, die namentlich nicht genannt werden möchte, hat ausgerechnet, zwischen Ende September und dem Versiegen der Vorräte Anfang Januar durchschnittlich 14 Kilogramm Spekulatius zu verzehren.
Der Discounter in meiner Nachbarschaft beschert mir regelmäßig solche Frustrationsmomente: Zu oft muss ich in den leeren Abgrund geplünderter Warengestelle blicken! Und das ist nicht meine Schuld, es scheint noch mehr Spekulatius-Liebhaber zu geben, die dem Keks verfallen sind. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich ein geheimer Wettlauf: Wer erwischt als erstes die neue Spekulatius-Lieferung? Meine Taktik sollte wahrscheinlich sein, mich mit dem Supermarktpersonal gut zu stellen. Ein paar Kilo für Großabnehmer im Lager zu behalten dürfte doch machbar sein.
Meine Recherchen nach anderen Beschaffungsquellen in akuten Versorgungsnotlagen waren ernüchternd. Nirgends wird ein ganzjähriger Fabrik- oder Lagerverkauf für Privatkunden angeboten. Alles was bleibt, sind überteuerte Portiönchen dubioser Sorten auf dubiosen Internetseiten. Liebe unsichtbare Hand, lass die Finger von meinen Spekulatii!

Apropos Sorten, ich sollte wohl klarstellen, wovon genau wir reden. Butterspekulatius, Mandelspekulatius, Rosenwasserspekulatius oder Spekulatiusschokolade – sie alle sind fahle Schatten, schnöde Surrogate des einzig wahren, des Gewürzspekulatius! Mit diesem sind sie so verwandt wie Viren mit Bakterien.
Alles in allem ein schillernder und polarisierender Charakter, dieser Gewürzspekulatius. Seltsam changiert er zwischen Extravaganz und Rustikalität; eine gewisse Hemdsärmeligkeit, die im Sonntagsanzug daher kommt. Ich wüsste nicht zu sagen welches überwiegt. Auf der einen Seite verströmt der Spekulatius dieses sagenhafte Bouquet, seine reiche Würze, wie ein arabesker Traum auf einem fliegenden Teppich. Auf der anderen ist er Härte und Schärfe, ein lärmendes Knuspern, das bei jedem Bissen die Welt anbrüllt und meldet: Dies ist ein ordinärer Akt der Nahrungsaufnahme!
Dann wiederum ist er schön anzuschauen und besticht durch seine stilsichere, ein wenig zum Abstrakten neigende Ästhetik. Erhaben, geradezu ikonographisch zeichnet sich die Textur des Kekses, bleibt im Motiv letztendlich aber bodenständig bäuerlich. Der Name, wahrscheinlich Latein, verheißt Altehrwürdiges und Wissenschaftliches, gekontert von einer lieblosen Verpackung: meist dünne, unproportionierte Plastiktüten mit schlechtem, in Rot gehaltenen Photoshop-Artwork. Fertig, Heimstatt von drei Stapeln geschichteter, wie die Heringe gedrängter Spekulatii. Anmut und Armut, große Kunst und große Klappe.
Man kann wohl festhalten: Im Reich der Kekse ist die Krone der Schöpfung nicht allein Glanz und Glorie, sondern durch eine gewisse Vulgarität gekennzeichnet. Immerhin. Der bloße Schnörkel, das angestrengt Schöne, die Einsamkeit der Perfektion ist fade und anfällig, an ihr haftet Dekadenz. Sie vermag nicht, auf langer Strecke das Feuer zu halten. Auch in Religionen waren gerade die Menschen aus einfachen Verhältnissen oft die wirksamsten Stifterfiguren. Luther ein Butterkeks, der Spekulatius der Nazarener (was zugegebenermaßen zur Weihnachtszeit passt). Buddha war von reichen Eltern, Moses Ziehkind der Pharaonen. Diese sind dann eher die Richtung Hafertaler und Reiswaffel.
All das kümmert den Spekulatius nicht. Er steht für sich allein, er ist wie eine ewige Flamme. Sein Ruhm und seine Qualitäten sind zeitlos. Er ist ein Solitär.


Qualitätsunterschiede: Der linke Schwan ist kaum als Schwan zu erkennen. Und schon die Farbe verrät zu viel Butteranteile! / eigene Aufnahme

Doch Obacht, nicht jeder Spekulatius verdient die Liebhaberei! Windige Firmen, im Kerngeschäft auf Waschmittel spezialisiert, drittklassige Trittbrettfahrer in Produktionshallen von der Größe einer Kleinstadt panschen ungeniert Teige, Aromen und Geschmacksverstärker zusammen, so dass sich von Marke zu Marke doch große Unterschiede zeigen. Es hat natürlich schon Anhänger des Spekulatius gegeben, die sich durch die Sorten der Backbuden und Discounter getestet und sich derart an einen gewissen Grad von Kennerschaft heran gekostet haben. Von diesen proklamiert und von mehreren Testpersonen bestätigt, erweist sich tatsächlich mein Favorit aus dem schon erwähnten hiesigen Supermarkt als bester Spekulatius. Bislang. Und zwar in allen Kategorien: Biss, Knirsch, Würze und Karamellaroma, Geschmack und Nachgeschmack, Buttergehalt und in der Haltbarkeit. Dieser Keks bleibt knusprig, selbst wenn man im Spätherbst die offene Packung auf dem Balkon vergessen hat. Die Motivauswahl … na gut, Design und Vielfalt ließen sich verbessern. Doch für einen, sagen wir mal vorsichtig, ›Volksspekulatius‹ ist das Gesamterlebnis mehr als solide!
Hat man jedenfalls seine persönliche Marke gefunden, steht Variationen und Experimenten nichts mehr im Wege: Spekulatius mit Butter, unter einer Schlagsahnehaube, mit einem Klecks Apfelmus1 , garniert von einem Minzblättchen, als Tortenboden oder Knusperzutat im Porridge. Entscheidend ist und bleibt eine gute, solide Sorte.

Spekulatius als Kuchenboden | eigene Aufnahme
Spekulatius im Porridge | eigene Aufnahme

Manche Genüsse besitzen ja die Arroganz, eine bestimmte Reife und Geschmackserfahrung von ihren Liebhabern einzufordern: Oliven, Zigarren, Anchovis, das Aftershave für den älteren Herrn oder modische Accessoires wie das Monokel oder der Gehstock. Der Spekulatius nicht! Entweder man mag ihn nicht oder man mag ihn sofort; eine ehrliche Sache. Schon als Kind war mir der Spekulatius sympathisch, ich musste nicht erst auf irgendeine geschmackliche Erleuchtung warten. Ich sehe schon, wenn er mir als Säugling eingeflößt worden wäre, hätte ich jetzt mindestens einen dunklen Teint und vielleicht sogar einen Eigengeruch, der an einen orientalischen Bazar erinnert.

Die Leidenschaft für diesen Keks klingt ungewöhnlich? Mitnichten! Die geheime Bruderschaft des Spekulatius – jene Menschen, die den Keks auch außerhalb der Weihnachtszeit essen – besteht laut einer aktuellen Umfrage in allen Altersgruppen aus rund 30 % der Bevölkerung!2 Es gibt also keinen, überhaupt keinen Grund für eine künstliche Verknappung auf die Jahresendsaison. Bei Schwarzbrot macht das ja auch keiner. Und das ist, aus globaler Perspektive, wirklich ein extrem ausgefallenes Nahrungsmittel.
Ist es die Kaufkraft? Sollen Spekulatii etwas besonderes bleiben? Wer verfügt das? Ich verstehe, dass Geburtstage, Hochzeiten oder Nobelpreise etwas besonderes bleiben sollen, weshalb man sie für gewöhnlich nicht täglich zelebriert. Oder wenn ich einmal im Jahr Rouladen koche. Aber doch nicht beim König aller Kekse! Der Spekulatius ist genau so ein Grundnahrungsmittel wie der Buchweizen! Seit 2019 ist der 2. Dezember offiziell der ›Tag des Spekulatius‹. Warum ehren wir ihn nicht gebührend? Als Entschädigung für die saisonale Prohibition fordere ich eine sofortige Befreiung von der Mehrwertsteuer!

Früher, ja früher war sowieso alles und nichts anders. Früher, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war der Spekulatius ein Luxusartikel, eine seltene Schlemmerei, ein Edelgebäck für die feinen Leute, die sich die teuren Gewürze leisten konnten. Und selbst die holte man nur zu besonderen Gelegenheiten wie eben Weihnachten raus.
Heute, wir sind ja nicht mehr im Mittelalter (von jetzt aus betrachtet), da können wir uns jedes exotische Gewürz leisten, von Kardamom und Safran bis zur Gewürznelke und der Rinde des Zimtbaumes. Wir können damit Orgien veranstalten, bis uns schlecht wird, vom schlechten ökologischen Fußabdruck mal abgesehen. Aber hey, gerne erkläre ich mich bereit, zu den Molukken-Inseln zu segeln und auf dem Nordwest-Passat zurück, um die notwendigen Spezereien zu besorgen. Sponsorengelder (gerne zweckgebunden) werden ab sofort angenommen. Heute ist so eine Reise wenig riskant: Wir verfügen über moderne Navigation, das Ziel und die Umstände vor Ort sind bekannt. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit handelte es sich dagegen um eine regelrechte Gewürzexpedition mit Piraten, Schiffbruch, widerspenstigen Eingeborenen und jahrelangen Mühsalen.
Aber wie kamen sie zu uns ins spätherbstliche Europa, die Gewürze für den Keks aller Kekse? Kamen sie mit dem Keks? Wer hat den Spekulatius erfunden? Woher hat er seinen markanten Namen? Ein von den Geschichtsbüchern vergessener Zufall? Hatte nicht der arabische Tuchhändler Abu Al-Mansur ein Säckchen der Lieblingsgewürzmischung seiner Mutter dabei, als er an einem Sonntag im Jahre 1304 wegen angeblicher Spionage in einer abseitigen Gasse Konstantinopels verhaftet wurde? In seiner Heimat schmeckt süßes wie herzhaftes Essen ja ganzjährig nach Weihnachten; glücklicher Abu Al-Mansur! Seine Ware wurde allerdings konfisziert. Auf dem Seeweg gelangte das Säckchen Gewürze nach Italien und landete als Zugabe in einem besonders schönen Kelch Venezianischen Glases, der zu einer Sendung an das Erzbistum Köln gehörte. Dort an den Ufern des Rheins übernahm sich fünf Jahre später der Küchenjunge Heinrich mit einer Wette, indem er kühn behauptete, das weltbeste Osterbrot backen zu können. Sein Teig war recht fettig, voll und fade geraten. In seiner Verzweiflung stahl Heinrich Abu Al-Mansurs Gewürzsäckchen aus dem verbotenen Schrank der Speisekammer und kippte die Hälfte davon an sein Küchenexperiment. Als er sah, dass sein Brot im Ofen nicht aufging, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte den Teig zu schlagen. Der war nun viel zu heiß dafür. Kurzerhand borgte sich Heinrich vom holländischen Handwerker, der gerade den Speisesaal renovierte, ein paar Fliesenstempel und hämmerte damit auf den Teig ein, bis er, also der Teig, und unser Heinrich mürbe wurden. Das Ergebnis war ein flacher, schön anzuschauender aber relativ fettiger Keks, der von den Ordensbrüdern zu St. Heribert scherzhaft ›Speckulatius‹ getauft wurde.

Okay, ich gebe zu, das ist reine Spekulation. Und das bleibt es, auch die Geschichts- und Wörterbücher stellen nur Vermutungen an. Dort heißt es, dass der Spekulatius das erste Mal im 18. Jahrhundert, irgendwann um den 11. Geburtstag meiner Uruurururururgroßmutter, in den Niederlanden oder Belgien auftauchte. ›Auftauchte‹ … Was soll das schon heißen? Andere behaupten, der Königskeks sei schon im Mittelalter bekannt und beliebt gewesen. Welchem Erfinder sollen wir nun ein Denkmal bauen? Sowohl Köln als auch die Niederlande und Belgien liegen am oder in der Nähe des Rheins, auf dem die Schiffe mit den Gewürzen aus dem Morgenland verkehrten.

Was die Namensforschung angeht, wird es nun etwas komplexer. Schauen wir uns das mal an:
Auf Niederländisch heißt der Erste unter den Keksen, der Keksprimus speculatie, was im 18. Jahrhundert in den benachbarten deutschen Gegenden am Rhein und in Ostfriesland übernommen wurde. Das Wort, so heißt es, wurde im Hochdeutschen schließlich zu Spekulatius latinisiert. Das ist witzig, weil auch das niederländische Wort vom Lateinischen kommt. Es wurde quasi zurücklatinisiert. So gesehen ist der Spekulatius also ein Doppelkeks, von beiden Seiten in wissenschaftlich-magisches Latein gebacken.
»So gesehen …« ist unser Stichwort, denn auf die lateinischen Worte für ›sehen‹ geht der Spekulatius in jedem Fall zurück.
Wie im Deutschen machten auch die alten Römer einen feinen Unterschied beim Sehen, für das sie verschiedene, wenn auch ähnliche Wörter benutzten: specere für ›schauen, sehen‹ und spectare für ›anschauen, betrachten‹. Sehen und anschauen sind nicht immer rein äußerliche Vorgänge, sondern auch innerlich ›eine Frage der Betrachtung‹: Manchmal bewundern wir das Geschaute oder ekeln uns. Manchmal wägen wir ab zwischen den Bildern in unserem Inneren. Man könnte sagen, das eine ist das robuste Handwerk unseres Körpers, das andere der Luxus, den sich der menschliche Geist erlaubt. Für die Lateiner hatte beispielsweise das Wort specula jene äußerlichen wie innerlichen Qualitäten. Es bezeichnete einerseits den Beobachtungsposten und andererseits den Hoffnungsschimmer; gewissermaßen die Aussicht, die wir erseh(n)en. Von specula gelangen wir zu specularia, den Fensterscheiben, und, naheliegend, zu speculum, dem Spiegel, dem Abbild. Findige Sprachforscher vermuteten, dass der Spekulatius seinen Namen von diesem speculum hat: Die Reliefbilder auf dem Keks mussten ja spiegelverkehrt in die Stempel oder Backformen geschnitzt werden. Der Spekulatius wäre demnach der ›Spiegelgeformte‹. Wenn man möchte, leuchtet diese Theorie ein. Im ersten Moment klingt sie weit hergeholt: Wer benennt schon seinen Keks so konkret und absolut unromantisch nach einem Detail aus der Herstellung? Und doch, warum sollten gerade die niederländisch-belgischen Bäckersleut oder die rheinisch-ostfriesischen Konditoren nicht genau das getan haben? Ebenfalls im Sortiment: der Gebutterte, das Handgewalkte, die Karamellisierte.
Sehen wir weiter, von speculum zu speculatio: die Betrachtung oder auch das Ausspähen, mit dazugehörigem Personal, nämlich dem speculator, dem Betrachter und Erforscher, dem Späher oder auch Aufseher. So wie ein Hirte die Aufsicht über seine Herde hat. Dieses Motiv war bei den frühen Christen so beliebt (von wegen »auf uns passt schon wer auf«), dass der speculator bei ihnen eine Bezeichnung für den Bischof, den Hüter der Gemeinde wurde. Den Vorwurf, sich wie Schafe zu verhalten, mussten sie sich gefallen lassen.
Wir sind inzwischen dem Spekulatius dem Namen nach sehr nah. Ist er vielleicht einfach ›das Betrachtete‹? Aus dieser Richtung erklären andere Sprachkeks-Forscher den Namen: Der Spekulatius ist schon seiner Bilder wegen ein Keks zum Betrachten, er ist der Schmuck eines jeden Adventstellers. Dazu regt er die Fantasie (die innere Betrachtung) an, denn man kann anhand der Bilder eine Geschichte erzählen. Ist er also ein »Fantasiegebäck als Tischschmuck«? So stand‘s jedenfalls im Wörterbuch. Und dass der Königskeks vermutlich ein Feinschmeckerartikel gewesen sei – ein rares Luxusgebäck mit Hang zum Spätherbst eben.
Interessant ist an dieser Stelle, wie sogar in den sprachgeschichtlichen Deutungsversuchen die Ambivalenz des Kekscharakters durchschmeckt: das handwerklich Robuste (spiegelverkehrte Backformen) und das nobel Extravagante.
Gegen ein künstliche Verknappung des Spekulatius wehre ich mich aber weiterhin. Schon klar, früher konnten sich auch nicht alle irische Butter, die freie Partnerwahl oder eine freie Meinung erlauben. Die Zeiten sind aber, Gott behüte, vorbei. Spekulatius müssen sich alle leisten können! Und zwar nicht nur einen. Spekulatii für alle! Ich benutze sowieso viel häufiger die Keksmehrzahl. Ich frag doch nicht: »Willst du einen Spekulatius?« Bei Kuchen ist das was anderes. »Willst du mehrere Kuchen?« hat mich noch keiner gefragt.
Da haben wir nun eine hübsche Truppe beisammen. Die ganze Mischpoke lässt sich fast beliebig durch weitere namhafte Verwandte ergänzen: Spektrum, Spektakel, Spezies, Spezereien, Respekt, sogar das deutsche Spähen. Es dürfte klar sein, dass das specere/spectare der alten Römer eine reiche, ansehnliche Wortfamilie öffnet, einen leuchtenden Regenbogen, der das Spektrum seiner Wörter bis in unsere Zeit, bis hin zum Spick-zettel auffächert.

Fassen wir zusammen, welche Erklärungsmodelle die Namensforschung zum Spekulatius uns unterbreitet hat: erstens die Spiegelformen für die dekorativen Motive auf dem Keks, zweitens der schön zu betrachtende, essbare Tischschmuck sowie drittens – der Nikolaus. Jawohl, es wird kein Zufall sein, fürchte ich.

Felsengräber im antiken Myra (heute Demre) in der Südwesttürkei, Heimat des historischen Nikolaus | eigene Aufnahme

Zuerst die gute Nachricht: Der Nikolaus ist echt, es hat Santa Claus wirklich gegeben. Er lebte im 4. Jahrhundert in der heutigen Türkei und war von Beruf Bischof, also Hüter einer Gemeinde und damit auf Latein ein speculator. In den Niederlanden trug oder trägt der Nikolaus deshalb den Beinamen Speculaas. Der weltbeste Keks, so die Theorie, habe daher seinen Namen3 und sei ursprünglich ausschließlich am Ehrentag des Heiligen, am 6. Dezember den Kindern geschenkt worden.
Liebe Kinder, hier kommt die schlechte Nachricht: Der echte Nikolaus ist längst tot. Das beweisen seine Knochen, die mehr oder weniger vollständig erhalten sind. Wer wissen will, wie der Nikolaus leibhaftig aussah, kann ihm sogar ins Antlitz schauen – Wissenschaftler haben anhand des Schädels sein Gesicht rekonstruiert.4
Der Beiname speculator passt übrigens doppelt gut, denn Nikolaus war nicht nur Bischof, sondern spähte der Legende nach auch abends bei den armen Leuten durchs Fenster, um zu sehen, ob Hilfe vonnöten war. Der Spickulaus!

Angeblich erzählen die Bilder auf den Spekulatii die Lebensgeschichte des heiligen Nikolaus. Aber was wissen wir von der historischen Person? Als die Römer wieder einmal nicht gut auf die Christen zu sprechen waren, wurde er gefangen genommen und gefoltert. (Vielleicht daher die schiefe Nase auf dem Computerbild der Wissenschaftler?) Selbst war er wohl auch nicht zimperlich. Auf einem berühmten Treffen von Kirchenvertretern soll er einen Mann geohrfeigt haben, der nicht seiner Meinung war, und landete dafür im Arrest. Berühmt geworden ist der echte Nikolaus aber schließlich, weil er seine geerbtes Vermögen an notleidende Mitmenschen verschenkt hat.
So verschwenderisch er im Geben gewesen sein soll, so sehr soll er bei sich selbst Maß gehalten haben. Angeblich, denn hier betreten wir das Reich der Legenden, soll er als Säugling, als kleiner Nikolausi schon so fromm gewesen sein, dass er an drei Tagen die Woche fastete und an diesen Tagen nur sehr wenig aus Mamas Brust trank. Wer weiß, vielleicht ist ja alles, was dieser Heilige sich im Leben an Nahr- und Schmackhaftem vom Mund abgespart hat, in den Gewürzspekulatius gewandert?

Nikolaus himself? Ein Wanderer? Knecht Ruprecht? Nicht die vertrauenswürdigste Gestalt der Weihnachtszeit | eigene Aufnahme

Und was ist nun mit den Bildern auf den Spekulatii? Zur Nikolausgeschichte passt der Mann mit dem Sack, aber sonst? Schwan, Schaf, Hund und Windmühle? Das sind ländliche, rustikale Motive, die zur hemdsärmeligen Charakterhälfte des Spekulatius passen. Doch ich frage mich wirklich, ob Windmühlen im Leben des Nikolaus (oder in der Legende) jemals eine Rolle gespielt haben. Das werden sich die Niederländer so ›gewunschdacht‹ haben, sind sie doch berühmt als das Land mit der höchsten Windmühlendichte pro Kopf und Backblech. Ob Nikolaus je einen Elefanten zu Gesicht bekam, ist ebenfalls unklar. In den Niederlanden zumindest gibt es kein natürliches Elefantenvorkommen, dafür aber in Indonesien. Hier schließt sich der Kreis, denn von dort, aus der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Indien kommen nicht nur die Gewürze für den Spekulatius. Es wird gar gemunkelt, der Keks sei dort eine ganzjährig beliebte und vor allem auch ganzjährig verkäufliche Nascherei! Da man dem Internet nicht trauen kann, weil fast alle fast immer voneinander abschreiben, werde ich demnächst wohl eine Reise nach Indonesien planen und die Sache vor Ort – als speculator – überprüfen.
Die Bildmotive der Spekulatii scheinen heute jedenfalls nicht mehr sehr nikolausig zu sein. Warum also nicht eine ganz neue Ikonographie ersinnen? Mir schwebt ein fastender Säugling vor, eine Erdbeere, eine Spionin, Abu Al-Mansurs Gewürzsäckchen – Erkennungszeichen der geheimen Bruderschaft der Spekulatius-Liebhaber, ein Stethoskop und das Gesicht des historischen Nikolaus, schön authentisch mit gebrochenem Nasenbein.

Eins noch: Der Name Nikolaus besteht aus den griechischen Wörtern nike und laos. Das bedeutet »Sieg des Volkes«. Eben! Völlig klar! Wenn das Volk siegen soll, müssen wir nur noch eine Petition starten: Spekulatii als Grundnahrungsmittel! Und zwar das ganze Jahr, so wie in Indonesien! Und ich prophezeie der unsichtbaren Hand, dass der Spekulatius auch im Sommer kein Ladenhüter sein wird. Ihr dürft darauf spekulieren!
Ach ja, dass wir dieses Wort, und analog die Spekulation und den Spekulanten, heute so verwenden, wie es dem Geschäftsgebaren unseriöser Börsenmakler entspricht, dafür kann der Keks nichts. Spekulation war einst einfach die Betrachtung und das Nachdenken und bekam erst im 16. Jahrhundert den Beigeschmack, jemand würde hier, auf reinen Mutmaßungen fußend, wirklichkeitsfremde, hanebüchene Betrachtungen anstellen oder riskante Geschäfte tätigen.

Wort und Text: Mathias

 
Anmerkungen
  1. Damit nicht jemand denkt, ich fröne einer neuen modischen Leidenschaft, hier eine Hommage von 2011:

    []

  2. https://yougov.de/news/2021/10/06/laut-verbraucher-verkauf-von-weihnachtsgeback-im-s/[]
  3. Bei den Belgiern heißt der Keks (und der Nikolaus?) Speculoos. Sie haben ein Weltraumforschungsprojekt nach ihm benannt, bei dem sie nach erdähnlichen Exoplaneten Ausschau halten: https://www.speculoos.uliege.be/cms/c_4259452/en/speculoos[]
  4. http://www.weihnachten-online.org/blog/nikolaus-das-wahre-gesicht-des-ur-weihnachtsmann/[]

2 Antworten auf „Spekulatius“

  1. Für Schlaumeier:

    Was die Keksmehrzahl angeht, gibt es je nach Deklination die Wahl zwischen ›Spekulatii‹ (sprich Spekulazi-i) und ›Spekulatius‹ mit langem U hinten. Aber das sagt vermutlich keiner: Spekulati-uuuus. Außerdem wäre nicht augenblicklich zu verstehen, dass dies der Plural sein soll. Lustig wäre es allerdings. Wenn ich schon ein Zugeständnis an den mitgebrachten Luxuscharakter des Kekses machen muss, bevorzuge ich das leicht vornehme Spekulatii für den Keks, der das Volk zum König macht. Samt Gattin, der Spekulatrix, ihres Zeichens dann eine Spionin oder gar Bischöfin.

    Apropos Bischof, hier lohnt ein kurzer Blick ins Griechische: Genau wie im Lateinischen steht episkopos für den Späher und den Aufseher und kommt von einem Verb – skopeo, skeptomai, das nebst dem Sehen auch das Umherschauen, das sich Erkundigen und Überlegen meint. Wir kennen da das Periskop, das Stethoskop und das Horoskop, wobei letzteres eine höchst spekulative Sache ist. Weniger fraglich scheint die Verwandtschaft des griechischen skop oder vielmehr skep mit dem lateinischen spec und dem deutschen spähen.

    Mit Spektrum war ursprünglich ein Bild vor unserem geistigen Auge, eine Idee, eine Vorstellung gemeint, bevor es in den Jahrhunderten zum gespaltenen Licht und zur Bandbreite (an Angeboten, Kunden oder Frequenzen) wurde. Mein Gefühlsspektrum gegenüber dem Spekulatius zum Beispiel reicht vom Geschmacks-Spektakel über feinstes Gaumenglück bis zum Völlegefühl, meist in diese Abfolge. Das Spektakel war bei den Römern eine Augenweide, ein Schauspiel, eine Show, am besten mit viel lärmendem Volk. So ein Spektakel stelle ich mir vor, wenn wieder einmal der Spekulatius-Nachschub in der Kaufhalle zusammenbricht. Ein kleiner Tumult, spontan erst, der sich dann zum offenen Aufstand der Bruderschaft auswächst. Lateinschüler werden sich an den spectator erinnern, den Zuschauer, wie er grausigen Gladiatorenspielen beiwohnt und dabei Pasteten und sicher auch Backwerk nascht. Aspekt bedeutete einst: das Bild, das Geschaute, der Anblick. Respekt und respektabel kommen eigentlich vom Zurücksehen, sich nach etwas umschauen, etwas bemerken, übertragen auch bedenken, be-rück-sichtigen sozusagen. Das ist bemerkenswert. Das Wort species wurde gleich zweimal aus dem Lateinischen entlehnt, wo es den Anblick, das Aussehen, die äußere Erscheinung meinte, ein Traumbild oder ein Ideal auch. Wir kennen die Spezies als Art, als Gattung von Tieren oder Pflanzen. Wenn wir ›spezifisch‹ sagen, klingt das Besondere, das eigentümliche Merkmal an, das uns erlaubt, bestimmte Dinge zu einer Art zusammenzufassen. So benutzen wir es zumindest seit 500 Jahren. Davor, schon in der Spätantike bezeichnete man damit Waren, genauer gesagt orientalische Gewürze, Drogen, Arzneien. Abu Al-Mansur und die Spezereien treten hier wieder ins Sichtfeld.

    Streit um die Überreste des heiligen Nikolaus: Als seine Heimatstadt rund 700 Jahre nach seinem Tod evakuiert werden musste, weil die Seldschuken vor den Toren standen, nutzen italienische Kaufleute das Wirrwarr und raubten die Gebeine des Heiligen. Heute liegen sie in Bari in Süditalien in einer Kirche. Die Türkei fordert seit langem vergebens eine Rückführung.
    Dass christliche Bischöfe im 3./4. Jahrhundert ihr Erbe verschenkten war übrigens nicht ungewöhnlich und erklärt nicht, warum es gerade bei Nikolaos von Myra zur Legendenbildung kam. Aber wo kämen wir hin, wenn wir alle Legenden erklären könnten!

     
  2. Sehr wortgewandter, alle Aspekte ausleuchtender Erklärungversuch des Themas ;
    eventuell Lesealter anheben?
    Anspruchs- und humorvolle philologische Betrachtung

     

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