Rudel, Herde, Schwarm & Co.

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Genau wie der Mensch verspüren auch viele Tiere das Bedürfnis, in Gruppen zu leben. Sie wollen gemeinsam jagen, gemeinsam durch die Weidegründe streifen, den Nachwuchs großziehen und sich in der Gewissheit wiegen, dass immer irgendein Artgenosse Ausschau hält nach gierigen Räubern oder sonstigen Gefahren. Als Individuum, das ja seine persönlichen Bedürfnisse hat und Verantwortung für sich trägt, mit einer großen Herde zu verschmelzen, sozusagen in der Art abzutauchen, ist schließlich auch für Menschen beglückend. Dann und wann. Die Artgenossen ringsherum, samt ihrem Gemache und Gegrunze, geben Sicherheit und Geborgenheit. Sie nehmen dem Einzeltier im Zweifel auch die Entscheidung ab, ob linksherum fette Beute oder rechtsherum saftiges Gras zu finden ist. Darum also suchen Menschen wie Tiere die Gemeinschaft.

Eine Herde Schafe
Eine Herde Schafe | Pixabay

Für Tiergemeinschaften gibt es ganz unterschiedliche Bezeichnungen: Herde, Schwarm und Rudel sind wohl die Bekanntesten. Eine friedlich auf schmatzenden Wiesen weidende Schafherde – da freut sich jeder, der nicht direkt vom Land ist! »Oh, guck mal! Eine Schaaafherde!« Kennt man von Reisen. Überhaupt unternehmen wir Reisen doch hauptsächlich, um endlich mal wieder schön aus dem Fenster gucken zu können, um uns eine ordentliche Portion Kontemplation zu gönnen, oder? Alte Leute, die aus dem Fenster gucken, reisen auf ihre Art. Vielleicht denken sie, sie sitzen in der Eisenbahn oder im Trabant, an Bord eines Kreuzfahrtschiffs oder in einer Rikscha. Land und Wasser, Flächen und Farben, die Dimensionen präsentieren sich. Siedlungen und Gehöfte ziehen vorbei, menschliches Walten und in seltenen Fällen auch sein Fehlen. Und manchmal, da zaubern sich eben diverse Tiergesellschaften in unseren Blick: In der Abenddämmerung am Waldesrand äsen ein paar Rehe. Gegen das tiefstehende Sonnenlicht kreist ein Vogelschwarm, zu Hunderten, wie ein schwarzer, wabbeliger Ballon aus Aschefunken. Und auf der Obstbaumwiese am Dorfrand macht eine Schar Hühner ihr Ding, was auch immer das Ding von Hühnern ist.

Aber wie nennt man eine Gruppe von Rehen, sagen wir so drei bis acht Exemplare? Eine Herde ist gefühlt größer, eine Stückzahl, die man nicht mehr an den Fingern abzählen kann. Also ein Rudel? Nee, »ein Rudel Rehe« spricht sich auch ziemlich ungelenk aus. Ich stelle mir Jägersleute vor, wie sie auf ihrem Hochstand kauern und Muskelkater im Hals bekommen, wenn sie nur dreimal schnell hintereinander denken: ein Rudel Rehe, ein Rudel Rehe, ein Rudel Rehe.
»Oh, guck mal! So drei bis acht Rehe!« würde auch niemand sagen, denn das Niederwild ist schwer zu beziffern, wenn man im ICE dran vorbeirauscht. Vielleicht ja aus der Regionalbahn oder bei einem Waldspaziergang. Wölfe und Löwen bilden Rudel, Elche und Robben auch, Rehe aber nicht.
Glücklicherweise hält die Jägersprache – dieses wunderliche, archaische, doch irgendwie wertvolle Idiom – die passende Vokabel bereit: Sprung. Eine Gruppe von Rehen nennt man fachgerecht einen Sprung. Wie trefflich, will ich meinen, schon hüpfen und hopsen die Rehlein auf den Waldrand zu und tauchen ins Unterholz, alle drei bis acht. »Oh, guck mal! Ein Sprung Rehe!« Wenn du das nächste Mal in der Bahn die Mitreisenden informierst, dann wissen alle, was gemeint ist, und denken: Schau an, so heißt das. Und sie nicken still vor sich hin in Anerkennung deines fundierten, zur rechten Zeit angebrachten Spezialwissens.

EIn Schwarm Gänse
EIn Schwarm Gänse | Pixabay

Viele Vögel auf einen Haufen sind ein Schwarm, das ist klar, wie eine Herde, nur für Vögel. Also ein Schwarm Krähen, Papageien oder Kraniche. Amseln und Eulen sind eher keine Schwärmer, vermutlich weil sie keine Massenveranstaltungen mögen. Wanderheuschrecken, Bienen und Thunfische dagegen gibt‘s im Schwarm, sogar Fledermäuse, und Flughunde vielleicht auch, wer weiß. Wobei das genau genommen wieder Säugetiere sind, für die das Wort Herde reserviert ist.
In der Zeit, als Milch in Plastiktüten verkauft wurde, hieß es, man hat einen Schwarm, wenn man verknallt ist und andauernd von der angebeteten Person schwärmt. Wenn man ihre Nähe sucht wie die Motte das Licht. Als meine Mutter mich im zarten Jünglingsalter fragte, ob ich denn einen neuen Schwarm hätte, war mir das ein bisschen peinlich; da war das Wort schon aus der Mode. Was freilich nichts daran ändert, dass sich Verliebtsein wie Schwärmen anfühlt. Wie Hummeln im Hintern oder Schmetterlinge im Bauch. Es ist laut und unruhig in einem drin, obwohl ausgerechnet Schmetterlinge, ob Schwarm oder nicht, nicht wirklich als lautstarke Krachmacher bekannt sind. Heringe auch nicht. So ein Schwarm Stare dagegen schon, das sind richtige Krawallbrüder. Wirklich ernst nehmen sollte man die Begegnung mit einer Rotte Wildschweine. Das kann beim Pilzsuchen im Tannendickicht vorkommen, erst recht brenzlig wird‘s, wenn ein Wurf Frischlinge mit von der Partie ist. Wurf ist auch die Bezeichnung für eine Gruppe Hunde oder Katzen. Meist sind es Geschwister, die in einem Schwung geboren wurden, ein bisschen wie dahingerotzt, ungefragt, mitten ins Leben geworfen.

Ein Bukett Fasane
Ein Bukett Fasane | Pixabay

Ähnlich wie bei der Herde bekommen einige Vogel-, Insekten- oder Fischarten nicht genug Artgenossen zusammen, dass wir sie einen Schwarm nennen würden. Eine schöne Gelegenheit für die Sprache, ihre ganze Lust auszutoben. So heißt es zum Beispiel eine Kette Rebhühner und ein Trupp Feldlerchen. Besonders plastisch: ein Bukett Fasane. Bukett geht auf das französische Bouquet zurück, ein Blumenstrauß (übertragen auch der Duft, den Wein entfaltet). In freier Wildbahn scheinen Fasane stets schnell zu verduften, jedenfalls ist mir im Wald und auf der Heide noch keiner begegnet. Ich kann mir aber gut vorstellen, wie sie zu viert oder fünft als Strauß unverblümt in ihrem Schlafbaum hocken und mit dem Sonnenaufgang ihre Farben und Gefieder entfalten.
Und so geht es munter weiter durchs Tierreich. Biber und Dachse bilden Kolonien, Delfine und Wale Schulen. Mehrere Eulen sind ein Parlament, mehrere Kobras ein Köcher (keine Ahnung, ob das auch für andere Schlangen gilt). Füchse sind ein Geheck, Pfauen ein Prunk. Ein Haufen Krähen sind ein Mord, Kängurus bilden einen Mob, Schmetterlinge übrigens ein Kaleidoskop, Bakterien eine Kultur.

Ein Kaleidoskop Schmetterlinge
Ein Kaleidoskop Schmetterlinge | Pixabay

In vielen Fällen passen die Gruppenbezeichnungen verblüffend gut: Füchse, die hinter der Hecke zum Hühnerstall etwas aushecken, an Leichen knabbernde Krähen, drei Eulen beim Debattieren auf einem dicken Ast, eine Gang halbstarker Kängurus auf der Suche nach etwas, das sie Boxen können … Einer meiner Lieblinge ist ein Schof Enten. Eigentlich ist der Schof ein Bündel Stroh oder Reet und damit eine alte Maßeinheit. In Verbindung mit Enten klingt Schof irgendwie heimelig, nach Scheune und Dorfteich, nach einem Idyll, in dem jeder ohne Hast seinem Tun nachgeht. Bei Enten herrscht ja zwischen Sonnenauf- und -untergang eine gewisse Betriebsamkeit, vom Mittagsschlaf mal abgesehen. Dabei bleiben Enten aber immer ziemlich entspannte Tiere, sie sind sozusagen die Hobbits unter den Gänsevögeln. Wobei, diese eine Entenart, die hin und wieder an Berliner Teichen zu beobachten ist, muss man ausnehmen. Ich meine diese kleinen schwarzen Enten mit den fiesen roten Augen, die wie ein Torpedo knapp unter der Wasseroberfläche tauchen und andauernd gewöhnliche Stockenten und andere Teichbewohner attackieren. Schämen sollen sie sich! Die im Pulk sind dann bestimmt auch kein Schof, sondern vielmehr ein Rudel.

Ein Schof Enten
Ein Schof Enten | eigene Aufnahme

Man stelle sich ein Rudel Hasen vor oder ein Trupp Hamster! Abenteuerlich auch ein Schwarm Stinktiere, eine Rotte Regenwürmer oder eine Herde Rokokokröten auf Wandertag. Ein Sprung Kellerasseln, ein Schof Alligatoren und ein Bukett Elefanten, die rotäugig in ihren Schlafbäumen hocken – da kann man schon tierisch durcheinander kommen.
Interessant ist auch die Kombination mit Bezeichnungen für menschliche Gruppen, immerhin leben Ameisen in einem Staat und Ratten in Sippen. Wie wäre es denn mit einer Clique Krähen, einem Stamm Nacktmulle, einer Riege Kaulquappen, einem Gesangsverein Hyänen, einem Regiment Störche, dem Seepferdchen-Clan oder einem Ensemble Glasfrösche? (Letztere von der Evolution dazu verdammt, so durchsichtig und nackt zu sein, dass man ihnen buchstäblich bei der Verdauung zuschauen kann.) Nicht zu vergessen die Horde Affen. Allerdings ist Horde nicht mit Herde verwandt, sondern kommt von den Mongolen, manierlose, brandschatzend umherziehende Steppenraufbolde – so jedenfalls das Klischee.

Eine Horde Affen
Eine Horde Affen | Pixabay

Ein Schof Menschen – umgekehrt hat der Spaß ebenfalls sein Potenzial: eine Rotte Wutbürger, ein Sprung Ninjas oder ein Geheck Fahrkartenkontrolleure. Gut finde ich auch einen Schof Beamte, ein Rudel Kitakinder und ein Bukett Tussis.

Eine Rotte Wutbürger
Eine Rotte Wutbürger | Pixabay
Ein Sprung Ninjas
Ein Sprung Ninjas | Pixabay
Ein Geheck Fahrkartenkontrolleure
Ein Geheck Fahrkartenkontrolleure | Pixabay

Na, das kann ja jeder für sich ausbuchstabieren, per Zufallsprinzip oder als bewusste Karikatur, und das Spiel sogar nach Belieben erweitern. Schäfchenwolken beispielsweise denk ich mir als Herde, klar. Aber ein paar sturmzerzauste, über den Himmel jagende Gewitterwolkenhaufen dürften eher ein Rudel sein. Was noch? Gern werfe ich ein Bukett Gefühle in den Ring, eine Brut böse Ahnungen, ein Rudel Gedanken und einen Wurf Kekskrümel. Über einen Trupp Lacher stolpert man vielleicht, einleuchtend sind dagegen ein Schwarm Schneeflocken oder Wünsche, und eine Herde Hausaufgaben oder Gewürzgurken. Sieh da, schon kommt ein Sprung Tagtraumbilder durchs Unterholz gehüpft, im Vordergrund ein Kaleidoskop Bäume, Schwärme dunkler Äste in den Himmel geworfen. Den blassrosa Morgen dahinter tupft ein Schof Kosewörter, die eine Herde Hoffnungen auf den neuen Tag umgarnen.

Eine Herde Wolken
Eine Herde Wolken | Pixabay

Wer eine übersichtliche Liste für Tierverbände sucht, kann hier spicken:

 

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