Sprache

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Sprache, schwieriges Wort, muss man mal ganz langsam aussprechen: Sp-ra-che – hat das was mit Rache zu tun? Also wenn einer einem was Böses getan hat und man es ihm heimzahlt? Eigentlich nicht, aber tatsächlich gibt es in der Bibel eine Geschichte, die Sprache und Rache in einen Topf wirft:
In den alten Zeiten, so heißt es dort, redeten alle Menschen dieselbe Sprache. Ziemlich praktisch, denn jeder verstand jeden, und wenn wer auf Reisen ging, brauchte er kein Wörterbuch und keinen Übersetzer. Durch die gemeinsame Sprache waren die Menschen vereint miteinander, sie waren wie ein Volk. Vielleicht waren die Menschen aber auch ein bisschen faul, weil sie keine anderen Sprachen zu lernen brauchten und ihre Köpfe wenig anstrengen mussten. Die Bibelgeschichte erzählt jedenfalls weiter, dass die Leute damals dachten, sie verstünden schon alles und würden alle Geheimnisse und alle Wissenschaften kennen. Die Menschen wurden überheblich, sie hielten sich für irrsinnig klug, ja sie dachten sogar, sie seien mindestens genau so clever und allmächtig wie Gott selbst. Der fand das aber gar nicht gut. Einer muss schließlich Chef sein, und wo kommen wir denn hin, wenn die Menschen denken, sie müssten sich nicht mehr anstrengen, weil sie ja schon perfekt sind? So wie Gott. Frechheit! Keiner würde mehr einen Finger krumm machen, wenn das so weiter ginge. Wer bäckt dann das Brot, das alle essen? Wer räumt den Müll weg? Wer singt bei der Arbeit noch schöne Lieder? … Als die Leute von damals obendrein anfingen, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel ragte, weil man als Gott gefälligst im Himmel wohnt, wurde Gott, also der Echte, so richtig sauer. Er beschloss, die Menschen für ihre Überheblichkeit zu bestrafen, ihnen einen Denkzettel zu verpassen, oder – anders gesagt – sich an ihnen zu rächen. Und dann machte er – ich weiß nicht wie, aber für die Geschichte ist’s egal, er machte, dass die Leute plötzlich unterschiedliche Sprachen sprachen und keiner mehr den anderen verstand. Dies war seine Rache.

Logo, das sorgte erst mal für ein heilloses Durcheinander! Stell dir vor, du gehst in einen Café und sagst »Ein Glas Apfelsaft, bitte.« und der Kellner bringt dir salzige Haferflockensuppe mit Senf. Oder eine Oma sagt »Danke« zu dir, weil du deinen Sitzplatz in der Bahn frei gemacht hast, und du verstehst etwas ähnliches wie »Unmöglich, diese Jugend von heute!« Das brachte für die Menschen in der Bibelgeschichte natürlich allerlei Missverständnisse, Zank und Probleme mit sich. Sie verstanden einander nicht mehr. So kam es, dass man den Turmbau aufgab, weil auf der Baustelle gar nichts mehr funktionierte. Und so kam es, dass die Menschen sich über die Erde verteilten. Warum sollten sie mit Leuten in einer Stadt wohnen, mit denen sie sich nicht verstanden? Also zogen die einen nach Links, die andern nach Rechts, ein paar Richtung Nordpol, andere bis Feuerland oder zum Titicacasee. Und so wird heute in beinahe jedem Winkel der Erde eine andere Sprache gesprochen.

Aber ist das schlimm? Dass die Menschen frech waren und von Gott dafür bestraft wurden, ist die eine Seite. Daneben zeigt uns die Bibelgeschichte die eigentlich schöne Vorstellung, dass alle Menschen gleich sind und zusammen gehören. Alle redeten in der alten Zeit (in einer besseren Zeit) dieselbe Sprache, und das Leben war einfach, weil man sich verstand. Ob nun mit Worten oder mit dem Herzen. Dass dieser tolle Zustand nun nicht mehr ist, daran waren die Menschen selbst schuld. Sie hatten vergessen, dass Menschen auch nur ein kleiner Teil dieser Erde sind, wo es noch viele andere großartige und wichtige Dinge gibt.

Ein wenig traurig macht diese Geschichte. Sie hinterlässt ein Gefühl, wie wenn man etwas verloren hat, einen Handschuh zum Beispiel oder den Lieblingsteddy. Oder wie wenn man aus dem Zimmer geschmissen wird, weil man ungezogen war. Aber wenn ich ein My drüber nachdenke, finde ich es gar nicht schlecht, dass es viele verschiedene, spannende Sprachen gibt. Genauso wie es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, etwas zu sagen. Und außerdem glaube ich, dass es von Anfang an ganz unterschiedliche Sprachen gab. Jawohl!

Stellen wir uns doch mal ein paar Urmenschen vor – uga-uga! Eine Truppe haust in einer Höhle am Nordhang eines Flusses, ein anderer Stamm wohnt in Holzhütten auf den grünen Wiesen am anderen Ufer. Kommt ein Bär vorbei, da ruft ein junger Höhlenurmensch »uga bari«. Sein Kumpel guckt und ruft auch »bari«, und so haben die beiden das Wort für Bär erfunden, auf Höhlenurmenschisch. Auf der anderen Seite des Flusses kommt auch mal ein Bär vorbei, da ruft eine junge Holzhüttenurmenschin »uga oso«. Ihre Kumpeline sieht den Bären und ruft auch »oso«, und das bleibt fortan das Wort für Bär auf Holzhüttenurmenschisch. Dort in den grünen Wiesen laufen indessen nicht bloß Bären sondern auch mal Hasen vorbei, also wird bald ein Wort für Hase erfunden. Beide Tiere haben die Urmenschen ganz gern gegessen. Vielleicht war es der jungen Holzhüttenurmenschin irgendwann zu doof immer zu fragen »Hase oder Bär?« und da hat sie sich noch ein Wort für Essen ausgedacht. Vielleicht haben beide, die junge Holzhüttenurmenschin und der junge Höhlenurmensch eines Tages zu beiden Seiten am Fluss gestanden. Da verliebten sie sich ineinander, trafen sich in der Mitte auf einer Insel und gründeten einen neuen Stamm. Kam dort mal ein Bär vorbei, sagten sie wahrscheinlich »barso«, auf Inselurmenschisch, eine Mischung aus dem Höhlenurmenschischen »bari« und dem Holzhüttenurmenschischen »oso«.

So ungefähr. Hinzu kommt, dass die Menschen früher seltener und weniger weit reisten als heute. Ohne Auto, Flugzeug und Pipapo über eine Bergkette klettern oder über einen Ozean paddeln war nicht einfach. Die verschiedenen Sprachen (und die verschiedenen Menschen) berührten sich seltener. So kommt es, dass heute in Frankreich Französisch, in Deutschland Deutsch und in Japan Japanisch gesprochen wird. So wunderbar vielfältig wie Augenfarben, Nasen, Stimmen, spitze und runde Ärsche, wie die Menschen, Länder und Kulturen sind auch die Sprachen. Und sie funktionieren oft ganz anders. Sagt man bei uns zum Beispiel ›Wolf‹, und für Mehrere ›Wölfe‹, sagt man in einem anderen Land einfach ›Wolf-viele‹. Wir ändern das Wort ein bisschen, in anderen Sprachen wird etwas dran gehängt.
Andere Sprachen zu lernen, bedeutet auch, klüger mit der eigenen Sprache umzugehen. Manchmal ist es sogar so, dass ein Wort aus einer anderen Sprache besser zu dem passt, was man gerade sagen will. Und vielleicht merkt man nach einer Weile gar nicht mehr, dass man eigentlich ein Wort aus einer fremden Sprache – ein Fremdwort – benutzt. In der Bibelgeschichte oben sprach ich davon, dass die Menschen sich für ganz außerordentlich ›clever‹ hielten. Und ›clever‹ ist ein englisches Wort, das wir uns geborgt haben, sozusagen. Und die Engländer haben sich andersherum deutsche Wörter ausgeborgt, ›Kindergarten‹ zum Beispiel, kennt jedes Kind in England, sprechen sie nur ein bisschen komisch aus, so als hätten sie einen Frosch verschluckt. Auch bei uns gibt es geborgte Wörter, die anders ausgesprochen werden, und wie original Deutsch klingen. Am Ende glauben wir gar nicht mehr, dass sie aus einem anderen Land stammen. ›Zucker‹ ist so ein Wort. Noch zu Zeiten der Ritter gab es bei uns nämlich keinen echten Zucker, nur Honig oder süße Rüben. Den Zucker bekamen wir über lange Wege von den Arabern, die ›schekker‹ dazu sagen. In Spanien sagt man ›azucar‹, in England ›suggar‹, in Frankreich ›sucre‹ und bei uns eben ›Zucker‹. Klingt alles ähnlich, oder? Und es gibt viele Wörter dieser Art, die miteinander verwandt sind wie Cousins. Zu ›Feuer‹ sagen die Engländer ›fire‹, die Franzosen ›feu‹ und die Spanier ›fuego‹. Genauso ›Frucht‹ auf Deutsch, ›fruit‹ auf Englisch oder ›fruta‹ auf Spanisch. ›Licht‹ heißt in England ›light‹ und in Spanien ›luz‹. Das mag daher kommen, dass Licht auf Lateinisch einst ›lux‹ hieß, in der alten Sprache der Römer, die heute eigentlich keiner mehr spricht. Aber zu ihrer Zeit eroberten die Römer viele Länder und spielten sich dort lange Jahrhunderte als Chefs auf. So sind mit der Zeit viele ihrer Wörter in anderen Sprachen hängen geblieben.

Es ist etwas Schönes und Lebendiges, dass die Sprachen sich verändern, sich beeinflussen und voneinander abgucken. Sprachen wandeln sich. Es kommen neue Wörter hinzu, wie etwa für Erfindungen, die es früher noch nicht gab: Glühbirne, Auto, Fernseher, Computer oder Handy (was nur englisch klingt, aber eine deutsche Worterfindung ist). Andere alte Wörter verschwinden, werden blass und sterben. Im Lied heißt es: »Safran macht den Kuchen gehl«. ›Gehl‹ also – und was bitteschön soll das bedeuten? Manchmal ändern die Wörter auch ihre Bedeutung, also was man damit sagen kann. ›Geil‹ zum Beispiel. ›Geil‹ gebrauchten einst Gärtner oder Förster und meinten damit, dass Pflanzen ganz lange Triebe und Zweige bildeten und wie wild wuchsen, als müssten sie sich beeilen, möglichst viel Licht abzubekommen. Später bedeutete ›geil‹ wenn ein Erwachsener ganz viel Lust hatte mit einem anderen Erwachsenen zu Schmusen und zu kuscheln. Wenn du aber heute ›geil‹ sagst, meinst du einfach ›toll‹. Du findest etwas hammergut.

Sprache ist also lebendig. Wie ein Wesen, etwas, das die ganze Welt umspannt und allen Menschen gemeinsam innewohnt. Die Fähigkeit zu sprechen unterscheidet uns von den Affen, die das leider nicht können. Heute gibt es große und berühmte Sprachen, die fast jedes Kind in der Schule lernt. Sogenannte Weltsprachen. Englisch, Spanisch und Arabisch zählen dazu. Überall auf der Welt findet man Leute, die eine dieser Sprachen reden. Zwar nicht so gut, wie jemand der aus England, Spanien oder Arabien kommt, aber doch so, dass man sich unterhalten kann, irgendwie. Ziemlich praktisch, wenn du im Flughafen von Ouagadogou auf Englisch nach der Toilette fragen oder im Urwald von Ecuador auf Spanisch einen frischgepressten Saft kaufen kannst. Daneben gibt es kleine, seltene Sprachen, die nur wenige Menschen beherrschen. Und kleine Unterschiede innerhalb der großen Sprachen, Dialekte genannt. Im Grunde reden in Deutschland ja alle Menschen Deutsch, aber oft klingt es komisch für jemanden aus dem Süden, was der Andere aus dem Norden da brabbelt. Als würde er die Wörter falsch aussprechen. Ein Dialekt ist zum Beispiel, wenn der Berliner »ick ooch« sagt statt »ich auch«, oder es in Sachsen tönt »nu gloa« und »ja klar« gemeint ist. Lustig, lustig … Außerdem gibt es sogar spezielle Wörter oder Redewendungen in einzelnen Berufen, die jemand, der diesen Beruf nicht lernt, nicht versteht. Verrückte Geschichten gibt’s da. Unter einem ›Schusterjungen‹ versteht ein Schuster nämlich etwas ganz anderes als ein Bäcker, und Buchdrucker wiederum etwas völlig anderes als die beiden davor. Schlag das ruhig mal nach!

Manchmal ist es wichtig, mit der Sprache genau zu sein und die richtigen Wörter zu suchen. Damit man nicht falsch verstanden wird. Aber manchmal kann man mit Sprache auch herrlich spielen, Blödsinn quasseln, wie einem der Mund gewachsen ist, Dialekte nachmachen, Silben vertauschen oder neue Wörter erfinden. Überhaupt werden ständig neue Wörter erfunden. Hast du es schon mal ausprobiert? Sagen wir, du sollst was total Bescheuertes machen, worauf du null keinen Bock hast; deine Eltern oder Lehrer haben es dir aufgetragen. Dann stellst du aber fest, dass es großen Spaß macht. Erfinde doch ein Wort für dieses Gefühl, das Gefühl genau an dem Punkt, wenn es wechselt und seine Farbe ändert, von ›keine Lust‹ zu ›boah, das fetzt ja‹. Du sagst das neue Wort ganz oft, vielleicht benutzen es erst nur deine Geschwister oder Freunde. Wer weiß, manchmal läuft das Wort von selbst los, von Mensch zu Mensch, erreicht erst alle Kinder deiner Klasse, dann die ganze Schule und die Eltern, bis es alle sprechen und das Wort fest im Wortschatz angekommen ist. Manchmal bleibt eine Worterfindung aber auch Geheimsprache, die nur du und deine Freunde verstehen.

Fest steht: die eigene Sprache und andere Sprachen zu lernen, öffnet dir viele Türen zu neuen Schätzen. (Nicht bloß Wortschätzen!) Dazu braucht es keiner Zauberworte. Sesam öffne dich!

Wort und Text: Mathias
 

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